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News 07.07.2026

Geheimnisvolle Seidr-Puppen: Spuren germanischer Magie

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Ein Fund am Rande: Die Seiðr-Puppe von der Trabrennbahn

Wie ein unscheinbares Objekt aus einer Freiburger Haushaltsauflösung auf einem Hamburger Flohmarkt wiederentdeckt wurde – und was es über eine der rätselhaftesten Praktiken des Nordens erzählt.

Der Fund in Hamburg

Die neu entdeckte Seiðr-Puppe

Es war der 11. Juli 2026, ein warmer Sommermorgen auf dem Flohmarkt an der Hamburger Trabrennbahn in Bahrenfeld. Zwischen Bakelit-Telefonen, angelaufenem Silberbesteck und den üblichen Kisten voller Vergessenem stand auf einem der hinteren Stände eine Holzkiste, die der Händler selbst kaum beachtet hatte. Ihr Inhalt: alte Werkzeuge, ein Stapel Fotografien – und, in vergilbtes Zeitungspapier eingeschlagen, eine kleine anthropomorphe Holzfigur mit auffälligen Umwicklungen.

Der Weg der Figur lässt sich ein Stück zurückverfolgen. Nach Auskunft des Händlers stammte die Kiste aus einer Haushaltsauflösung in Freiburg im Breisgau. Der verstorbene Vorbesitzer hatte über Jahrzehnte hinweg Altertümer gesammelt, ohne dass die Erben dem Konvolut besondere Bedeutung beimaßen – die Bestände wurden pauschal an Aufkäufer abgegeben und gelangten so, über mehrere Zwischenstationen, in den Hamburger Norden. Dass die Figur diesen Weg unversehrt überstanden hat, grenzt an einen Glücksfall: Das Zeitungspapier, in das sie eingeschlagen war, dürfte sie eher zufällig vor Stößen und Feuchtigkeit geschützt haben.

Die Bergung selbst verlief unspektakulär und doch mit der gebotenen Sorgfalt. Noch vor Ort wurde die Figur nicht weiter ausgewickelt, sondern samt Umhüllung gesichert, um die empfindlichen Bindungen nicht zu gefährden. Erst unter kontrollierten Bedingungen erfolgte die erste Sichtung: eine etwa handgroße, aus einem Stück geschnitzte Figur aus dichtem, rötlich-braunem Holz, an Rumpf, Armen und Kopf mehrfach mit feinen Strängen aus Tierhaar umwickelt. Bereits die erste Einschätzung legte nahe, dass es sich um eine sogenannte Seiðr-Puppe handelt – ein Objekt aus dem Umfeld nordischer Ritualpraxis. Nach dem Erwerb auf dem Flohmarkt wurde die Puppe behutsam gereinigt und in mikrokristallines Wachs gegeben; somit ist sie nun optimal geschützt. Die Figur wurde inzwischen in den Bestand des Archivs aufgenommen; weitere Untersuchungen zu Alter und Herkunft sind vorgesehen.

Was ist Seiðr?

Seiðr (altnordisch seiðr) bezeichnet eine Form ritueller Praxis im vorchristlichen Skandinavien, die zwischen Weissagung, Schadenszauber und Schicksalsbeeinflussung angesiedelt war. Die schriftlichen Quellen – allen voran die Ynglinga saga Snorri Sturlusons und die Eiríks saga rauða – zeichnen das Bild einer Praxis, die vor allem von Frauen ausgeübt wurde: Die völva oder seiðkona, die wandernde Seherin, gehörte zu den ehrfurchtgebietendsten Gestalten der altnordischen Gesellschaft. Die berühmte Schilderung der Seherin Þorbjörg in der Eiríks saga rauða beschreibt detailliert ihre Ausstattung – den Stab, den Mantel, die Kissen aus Hühnerfedern – und den zeremoniellen Rahmen ihrer Sitzungen.

In der Mythologie ist Seiðr eng mit der Göttin Freyja verbunden, die diese Kunst der Überlieferung nach den Asen brachte; selbst Odin soll sie praktiziert haben – ein Umstand, der in den Quellen bemerkenswert ambivalent behandelt wird, galt die Praxis für Männer doch als ergi, als unmännlich und anrüchig. Gerade diese Spannung zeigt, welche Macht man dem Seiðr zuschrieb: Wer das Schicksal binden und lösen konnte, stand außerhalb der gewöhnlichen Ordnung.

Materielle Zeugnisse dieser Praxis sind naturgemäß selten und schwer zu deuten. Zu den diskutierten Objektgruppen zählen eiserne und hölzerne Stäbe aus Frauengräbern der Wikingerzeit, Amulette – und eben kleine anthropomorphe Figuren, denen eine Funktion als Ritual- oder Zauberfiguren zugeschrieben wird. Sie stehen in einer langen Tradition hölzerner Kultfiguren des Nordens, wie sie etwa aus dänischen Mooren überliefert sind.

Eibenholz: der Baum der Toten und der Ewigkeit

Bemerkenswert ist das Material der Figur: Eibenholz (Taxus baccata). Die Eibe nimmt in den Vorstellungswelten Nord- und Mitteleuropas eine Sonderstellung ein. Sie ist beinahe in allen Teilen giftig, wächst über Jahrhunderte, treibt aus scheinbar totem Holz wieder aus – und wurde wohl gerade deshalb mit Tod, Wiederkehr und Ewigkeit verbunden. Alte Eiben auf Friedhöfen zeugen bis heute von dieser Assoziation. In der Forschung wird seit Langem diskutiert, ob der Weltenbaum Yggdrasil, in den Quellen als „immergrüne Nadel-Esche" umschrieben, ursprünglich als Eibe gedacht war.

Zugleich war Eibenholz ein Werkstoff von außergewöhnlicher Qualität: hart, elastisch, dauerhaft und resistent gegen Fäulnis – der bevorzugte Rohstoff für Bögen von der Jungsteinzeit bis ins Spätmittelalter. Für eine Ritualfigur vereint die Eibe damit zwei Eigenschaften, die kaum zufällig gewählt sein dürften: die symbolische Nähe zu Tod und Anderswelt und eine Beständigkeit, die das Objekt Generationen überdauern lässt. Die dichte, feinjährige Struktur des Holzes erklärt auch den bemerkenswert guten Erhaltungszustand der Figur.

Die Bindungen aus Tierhaar

Das auffälligste Merkmal der Puppe sind ihre Umwicklungen: mehrfach um Rumpf, Gliedmaßen und Hals geführte Stränge aus gedrehtem Tierhaar, dem Anschein nach Rosshaar, stellenweise mit feineren Fasern – möglicherweise Wolle – verzwirnt. Gerade diese Bindungen verweisen in das Zentrum dessen, was Seiðr dem Wortsinn nach vermutlich bedeutete: Eine verbreitete etymologische Deutung bringt seiðr mit „Schnur, Strick, Band" in Verbindung – Zauber als Binden und Lösen, als Wirken am Faden des Schicksals.

Binde- und Knotenzauber gehören zu den ältesten und am weitesten verbreiteten magischen Techniken überhaupt. Im nordischen Kontext fügt sich das Bild stimmig zusammen: die Nornen, die das Schicksal der Menschen „weben" und „wirken", die Vorstellung von Schicksalsfäden, das Binden von Furcht oder das Lösen von Fesseln, wie es Runeninschriften und Zauberformeln andeuten. Eine umwickelte Figur konnte in dieser Logik eine Person oder ein Anliegen repräsentieren, das durch die Bindung festgehalten, geschützt – oder gebannt – werden sollte. Ob die Bindungen unserer Figur schützend oder bannend gemeint waren, muss vorerst offenbleiben; auffällig ist jedoch die Sorgfalt, mit der die Stränge geführt und verknotet wurden. Hier war kein Zufall am Werk, sondern eine geübte Hand mit einer klaren Absicht.

Ausblick

Die Seiðr-Puppe von der Trabrennbahn führt exemplarisch vor Augen, worum es diesem Archiv geht: Objekte, die durch die Maschen der institutionellen Überlieferung gefallen sind, zu sichern, zu dokumentieren und ihre Geschichte – so weit wie möglich – zu rekonstruieren. Die Figur wird derzeit konservatorisch betreut; eine nähere Bestimmung von Alter, Holz und Faserwerkstoff ist in Vorbereitung. Über die Ergebnisse werden wir an dieser Stelle berichten.

Hinweise zur Provenienz des Stücks – insbesondere aus dem Raum Freiburg – nimmt das Archiv dankbar entgegen.